Gedanken…

04.03.2018

Man lernt nie aus. Heute  lernte ich – seit vielen Jahren mit Forschungsschwerpunkten rund um das Verbrechen des Holocaust – in einem sehr freundlichen Gespräch mit dem großen Judaisten Karl Erich Grözinger, dass ich den Begriff Holocaust falsch verwendet habe. Im Ergebnis werde ich ihn wohl eher überhaupt nicht mehr verwenden, wenn ich von der Shoah spreche.

Hier ein sehr gut begründender Auszug aus einem profunden Werk vom Spezialisten:

Jüdisches Denken zur Schoah



 

„Die Verwendung des Begriffs »Holocaust« – eine notwendige Vorbemerkung und das Beispiel der Treblinka-ʽAkeda. Ich verwende den Begriff »Holocaust« in den folgenden Darstellungen nur, weil er in der in diesem Band besprochenen Literatur meist als terminus technicus für den Genozid am europäischen Judentum Verwendung findet. Der wohl zum ersten Mal von Elie Wiesel für die Schoah verwendete Begriff, der in der lateinischen Bibel als holocaustum, das »all-Verbrannte« Opfer, das Ganzopfer bezeichnet, suggeriert die falsche und für modernes Denken nicht mehr annehmbare Vorstellung, der Judenmord sei gleichsam ein Gott dargebrachtes wohlgefälliges Opfer, wie dies für ein traditionell-typologisches Geschichtsdenken noch durchaus denkbar war. Der Ausdruck »Holocaust« ist abzulehnen, auch wenn es in der jüdischen Tradition sehr wohl Möglichkeiten gab, die in Pogromen hingeschlachteten Juden als Opfergabe vor Gott zu verstehen. Die zu diesem Verständnis führende Linie ist die Deutung der ʽAkeda, der Opferbindung Isaaks, als Brandopfer, lateinisch: holocaustum. Nach Genesis 22, 2 sprach Gott zu Abraham: »Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, den Jizchak, und gehe hin in das Land Moria und opfere ihn daselbst als Brandopfer.« Im Hebräischen steht für das Brandopfer das das Wort ʽOlah (Aufstiegsopfer). In der lateinischen Vulgata lautet der Text: »Tolle filium tuum unigenitum quem diligis Isaac et vade in terram Visionis atque offer eum ibi holocaustum.« Der Begriff des holocaustum / ʽOlah war demnach auch mit der ʽAkeda verbunden. In diesem Sinne bringt zum Beispiel der mittelalterliche Rabbi Efrajim Ben Jaʽakov aus Bonn in einer Poesie die ʽAkeda mit den Pogromopfern der Kreuzzüge in Verbindung. Die Poesie trägt den Titel »Die Akeda« und lautet unter anderem: »Gedenke doch der vielen ʽAkedot um unseretwillen, / der Heiligen, der Männer und Frauen, / die hingeschlachtet sind um deinetwillen. / Gedenke der Märtyrer von Juden, der Gerechten / der Kinder Jakobs, die gebunden waren.«

[…]  Wie dem auch sei, gravierender ist die für modernes Denken absurde Konsequenz, die sich aus der Verwendung des Begriffs Holocaust (Opfer) und der Parallelisierung der Schoah mit der ʽAkeda ergibt, wie dies Jean-François Lyotard in seinem Buch Der Widerstreit drastisch vor Augen führte. Er sagt dort: »Wenn man vom Holocaust spricht, so bedeutet dies, daß Gott der Hand des Nazi-Henkers befahl und das jüdische Volk die Stelle Isaaks einnimmt. Es ist wohl zuzugeben, daß der Herr Abrahams dessen Gottestreue prüfen wollte, wenn er vom Vater die Opferung seines Sohnes verlangte. Wollte Gott die Gottestreue der SS prüfen? Hatten sie einen Bund geschlossen? Und liebte die SS den Juden wie der Vater seinen Sohn? Wenn nicht, wie könnte das Verbrechen in den Augen des Opfers den Wert einer Opferung haben? Und in den Augen des Henkers? Und des Nutznießers? Oder bot Gott selbst das Leben eines Teils seines Volkes zum Opfer dar? Welchem Gott aber konnte er es anbieten? Ebenso behauptet man, daß Israel für seine Fehler bestraft werden mußte, für seine Schuld, den Stolz. Keinen einzigen dieser Sätze, welche die göttliche Absicht (prüfen, strafen) beschreiben, um das Opfer zu erklären, kann man widerlegen. Keiner kann als Erklärung des Tötungsbefehls, als seine Rechtfertigung gelten. Nur mittels Rhetorik könnte man aus dem Tod von ›Auschwitz‹ einen schönen Tod machen.« Wer wie Lyotard und die anderen erwähnten Denker sich von dem antikmittelalterlichen Denken im Sinne eines typologischen Geschichtsverlaufs und von den Kategorien von Opfer und Sühnung wie von Sündenschuld hinsichtlich der Opfer der Schoah verabschiedet hat, sollte den Begriff »Holocaust« nicht mehr verwenden. Wenn ich es hier dennoch tue – so bitte ich um Nachsicht – denn als Chronist und Historiker, der seine Quellen getreu wiedergeben will, konnte ich die von den dargestellten Autoren verwendeten Begriffe nicht einfach eliminieren.“

Aus: K.E. Grözinger, Jüdisches Denken. Theologie, Philosophie, Mystik. Band 4: Zionismus und Schoah, Campus Verlag, Frankfurt/New York2015, S. 35-36. 40.