Forschung

Provenienzforschung 1933-1945

Bei der Erforschung der Verbrechen des NS-Regimes stehen die ermordeten Opfer im Vordergrund. Deren Andenken zu ehren und aktiv Demokratie zu gestalten, um eine Wiederholung dieser größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte, darunter als ungeheuerlichstes die Shoah, ist würdig und recht. Manche Opfer überlebten das Terror-Regime der Nationalsozialisten, verloren jedoch materiellen Besitz. Andere verloren ihren Besitz, bevor sie ermordet wurden. Oft haben diese Opfer Nachfahren, die Anspruch auf diesen Besitz haben. Gelegentlich berichten die Medien über „Raubkunst“ oder „von Juden geraubte Kunstwerke“. Dabei bleibt oft abstrakt, worum es wirklich geht:

Verschiedenste Stellen befassten sich insbesondere zwischen 1939 und 1945 mit der Plünderung von Museen und Einrichtungen, aber auch privaten Eigentums in ganz Europa. Vielen Juden wurde das Leben in Deutschland ab 1933 unerträglich oder unmöglich gemacht. Doch die Ausreise wurde durch verschiedene Faktoren oft massiv erschwert. Zunächst einmal die umgangssprachlich „Reichsfluchtsteuer“ genannte Hürde. Diese Maßnahme gegen Kapitalflucht wurde bereits 1931 eingeführt und durch die Nationalsozialisten mehrfach verschärft. Dadurch verloren Flüchtende einen großen Teil ihres Vermögens. Zu diesem Vermögen gehörten auch Immobilien und Kunstwerke. Diese kamen zur Finanzierung der Ausreise seit 1933 in immer größeren Mengen auf den Markt, was die Preise fallen ließ. Gleichzeitig war jener Teil am Verkaufserlös, der letztlich bei der Flucht mitgenommen werden konnte, gering, so dass hartes Verhandeln oft nur geringe Vorteile brächte. Jedoch waren die meisten Verfolgten gar nicht in der Lage, hart zu verhandeln. Nur zu oft setzten sie NS-Funktionäre oder diese nahestehende Kaufleute unter Druck, drohten mit Gefängnis, Konzentrationslager und vielem mehr, um den Kaufpreis zu senken. So kam es oft zu rechtlich einwandfreien Kaufverträgen, deren Anfechtung dem Grunde nach ausgeschlossen ist. Wenn jedoch Druck ausgeübt und/oder der Verkaufspreis weit unter dem tatsächlichen Wert lag, sprechen Juristen von „verfolgungsbedingter Enteignung“. Dann kann ein Rückgabeverfahren angestrengt werden, das oft durch geldlicher Entschädigung (oft abzüglich seinerzeitigen Kaufpreises) ersetzt wird.

Die meisten Aufnahmeländer verlangten vor der Ausstellung von Einreisevisa von den Flüchtenden jedoch eine Art „Vorzeigegeld“. So sollte die Einwanderung in die Sozialsysteme verhindert werden, aber auch innenpolitische Debatten. Insbesondere die Ergebnisse der berüchtigten Konferenz von Evian erschwerte die Erteilung von Visa an u.a. deutsche Juden erheblich. Während des Wartens auf die Ausreise war es vielen aufgrund der immer neuen antijüdischen Gesetze des NS-Regimes nicht oder nur eingeschränkt möglich, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen oder gar ihren Lebensstandard zu halten. Daher verkauften Fluchtwillige oft sukzessive ihren Besitz, während sie auf Visa warteten.

All dies führte dazu, dass eine große Zahl von Immobilien, Autos, Kunstwerken, Bibliotheken, etc. weit unter Wert den Besitzer wechselten, beinahe immer unter dem Tatbestand der verfolgungsbedingten Enteignung.

Wenn heute Kunstwerke im Verdacht stehen, verfolgungsbedingt enteignet worden zu sein, müssen sie aufgrund des Washingtoner Abkommens zurückgegeben werden, wenn sie in staatlichem Besitz sind. Für in Privatbesitz befindliche Gegenstände gilt de jure die Verjährung. Jedoch gilt auch hier die moralische Pflicht zur Rückgabe oder Entschädigung. Oft kann unter Beiziehung von Mediatoren ein Ergebnis erzielt werden, das das Leid der Opfer naturgemäß nicht aufwiegen kann, aber einen Kompromiss zwischen den Anspruchstellern und den gegenwärtigen Eigentümern, die oft im guten Glauben gekauft oder geerbt haben, herstellt.

Ein Bild, ein Kunstwerk, eine Bibliothek können vom Staat oder von Privatleuten zurückgegeben werden. Anders ist es bei Immobilien. Dort sind im Zweifel seit den 1930er Jahren Mieten eingenommen wurden, die neben einem Rückgabeanspruch im Raume stehen. Selbst wenn der Rückgabeanspruch verjährt ist, haben institutionelle Eigentümer oft Interesse an Aufklärung und Entgegenkommen. Es sähe für beispielsweise eine börsennotierte Versicherungsgesellschaft oder Amtsträger nicht gut aus, das Leid der Opfer zu ignorieren und sich weiterhin Profit aus einem Unrechtsgeschäft einzustecken.

Provenienzforschung 1945-1949

Bei Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus starben hunderttausende Soldaten der alliierten Streitkräfte. Oft hatten die überlebenden Soldaten unmenschliche Verbrechen der deutschen Besatzungstruppen in ihrer Heimat gesehen. Propaganda, wie beispielsweise jene von Ilja Ehrenburg, ließen manchen Soldaten glauben, dass Plünderung nur eine Wiederherstellung von Gerechtigkeit sei. Insofern ist zumindest nachvollziehbar, dass viele Soldaten sich nicht immer an die Regeln des Kriegsrechts hielten, nachdem sie die deutschen Grenzen überschritten hatten. Viele deutsche Museen, Unternehmen, Kunstsammlungen und Privathaushalte wurden zwischen 1945 und 1949 um Kunstwerke und anderen Besitz gebracht, auch wenn dieser nicht seinerseits den rechtmäßigen Eigentümern zuvor entwendet worden war.

Hier ein Beispiel: Einige der Verschwörer vom 20.07.1944 waren bereit, sich selbst zu opfern, um Hitler zu töten, wie beispielsweise der damalige Hauptmann Freiherr Axel von dem Bussche-Streithorst. Ihr Eigentum wurde nach dem Krieg von den sowjetischen Besatzungsbehörden konfisziert, da sie „faschistische Offiziere“ waren. Nachfahren von im ehemaligen DDR-Gebiet enteigneten Familien können dieses Eigentum nach der Wiedervereinigung von der Bundesrepublik zurückkaufen (!). Dabei ist jedoch oft der Beweis zu führen, dass die beanspruchten Gegenstände auch tatsächlich in Familienbesitz gewesen sind.

 

Weitere Forschungsschwerpunkte

Weitere Forschungsschwerpunkte von Julien Reitzenstein betreffen:
  • Geschichte des Nationalsozialismus und der SS
  • Geschichte der SS-Forschungseinrichtung Ahnenerbe
  • Einfluss der SS auf Wirtschaft, Wissenschaft und Reichsforschungsrat
  • Geschichte der jungen Bundeswehr
  • Geschichte der Deutschen Marine 1956 – 1986
   

Aktuelle Forschungsprojekte

  • Geschichte der Dieselmotoren auf Unterseeboten und ihre gesundheitlichen Auswirkungen
  • Vergleichende Architekturgeschichte 1925-1955 (Deutschland 1930-1955, Italien 1925-1943, USA 1930-1945, UdSSR 1925-1955, Bulgarien 1930-1955)
  • Edition der Diensttagebücher von Wolfram Sievers
  • Die Tabakfabrik Linz im Nationalsozialismus
       

Julien Reitzenstein