Privates

Wer mich und meine Arbeit kennt, der weiß, dass ich in der Regel meine Forschungsergebnisse für sich sprechen lasse und nicht die mediale Bühne suche. Ich selbst sehe mich nicht als Person des öffentlichen Interesses und möchte dies auch nicht sein. Ab und an kommt es jedoch vor, dass man sich der medialen Aufmerksamkeit aufgrund neuer Erkenntnisse nicht entziehen kann. In dem Zuge möchte ich an dieser Stelle einige Fragen beantworten, die mir häufig gestellt werden.

Was motiviert Sie und: belastet es Sie nicht, praktisch ständig die originalen Papiere des Grauens in den Händen zu halten?

Was motiviert Sie und: belastet es Sie nicht, praktisch ständig die originalen Papiere des Grauens in den Händen zu halten?

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Eine Frage, die mir immer wieder gestellt wird und sich mit dem Gegenstand meiner Forschungen – sowohl für meine Bücher, als auch dem Bereich Provenienz und Restitution – und vor allem mit der Archivarbeit befasst:

Ja. Es belastet. Wenn ich einem Namen in einem Medizinversuch an Menschen im Konzentrationslager nachgehe und sich dann offenbart, wer da wie in dieses Vernichtungssystem geraten ist: Jemand, der ein glückliches Leben hatte, eine Familie, Zufriedenheit mit seiner Arbeit – und dann diffamierte ihn jemand öffentlich – und wissentlich unwahr – dass er politisch zweifelhafte Ansichten vertrete. Oder wenn Briefe an „Schriftleiter“ (so wurden Redakteure genannt) verfasst wurden, die vor diesem Menschen „warnen“. Oder wenn Menschen aus der Anonymität an den Pranger gestellt wurden, beispielsweise durch Beschmieren ihres Geschäfts mit missgünstigen Parolen – in der Hoffnung, dass sich ein Mob bildet, der Geschäftsmann oder Laden Schaden zufügt. Das ist schlimm, aber nicht das eigentlich Erschreckende. Das eigentlich erschreckende ist, dass dieses aggressive Ausgrenzen 1945 kein Ende fand. Es ist heute präsenter denn je. Die Muster ähneln sich und die Hemmschwelle liegt durch Internet und soziale Medien nur noch viel niedriger. Damals wie heute gibt es viele Motivationen – aber drei stechen immer heraus: Eine Herkunft aus einem anderen Kulturkreis oder ein einem unbekannter Typ Mensch, andere politische Ansichten und wirtschaftlicher Erfolg sind immer noch Triebfedern des Hasses.

Wenn man beispielsweise einen Brief in den Händen hält, mit dem Himmler einem ihn unbekannten Wissenschaftler an seine Forschungseinrichtung binden will und diesem – ohne dass der darum gebeten hätte – anbietet, an „Gefangenen und mit Berufsverbrechern, die sowieso nicht mehr in Freiheit kommen, und mit den für eine Hinrichtung vorgesehenen Personen Versuche jeder Art anzustellen“ ist das mehr als schauerlich. Diese völlige Entrechtlichung von Menschen, die Mechanismen, die dies ermöglicht haben, sind nicht aus der Welt. Wer Menschen in Klassen einteilt, wer Denkmuster pflegt, in denen die Würde des Menschen nur untergeordnet ist, ist ein Feind jeglicher demokratischer Gesellschaftsordnungen.

Meine Zeitungsartikel, die sich mit dem Thema des Engagements für die Demokratie befassen, hätte ich vielleicht ohne diese Arbeit im Archiv nie geschrieben. Sie sind deren Ergebnis. Insofern: Ja, vieles an Archivarbeit und Befassen mit dem Grauen belastet. Das führt zu Motivation, nicht nur die Vergangenheit und ihre Verbrechen zu dokumentieren, sondern sich für die Demokratie der Gegenwart zu engagieren. Dazu gehören die Artikel (hier), aber auch die Gründung des Geschichte und Zukunft e.V. oder die Organisation von deren Tagungen zu diesen wichtigen Themen (hier und hier).

Wie kann man so verschiedene Tätigkeiten und so viele Orte unter einen Hut bekommen?

Wie kann man so verschiedene Tätigkeiten und so viele Orte unter einen Hut bekommen?

Eine andere Frage, die häufig von Menschen kommt, die ihr Lebensglück als Beamte oder Angestellte gefunden haben und oft ihr ganzes Leben in einer Region verbringen.

Die Frage muss viel mehr lauten, welche Gaben man hat und nicht hat und als was man seine Tätigkeit sieht. Ich bewundere beispielsweise Menschen, die gut administrieren können. Die Freude haben, immer gleiche Vorgänge konzentriert und geduldig zu bearbeiten.

Meine Begabungen liegen eher im kreativ-inspirierten Bereich. Dazu gehört das Recherchieren für Bücher oder Provenienzfragen, das Vorbereiten von Vorträgen oder das Schreiben von Artikeln ebenso, wie die Strukturierung und Optimierung von Prozessen. Mich fasziniert das Entstehen eines Marketingkonzeptes für ein neues Produkt, ebenso, wie die Entwicklung einer Struktur – von Prozessen über Finanzierung bis zu Markenbildung.

Hinzu kommt der genius loci. Manche Gedanken gelingen nur, wenn man in Brüssel lebt und die Wochenenden in der Kultur von Brügge, Gent und De Haan verbringt. Andere Kreativität sprudelt, wenn man lange Zeit im Deep South der USA verbringt, den Outer Banks, am nördlichen Ende des Big Sur oder der Karibik. Wichtig ist mir bei alldem, eine Heimat zu haben oder Heimaten – letzterer Gedanke erschien manchem merkwürdig. Seitdem Bundespräsident Steinmeier am 3.10.2017 davon sprach, dass man mehrere Heimaten haben kann, hat sich die Sicht darauf verändert. Die langen, einsamen Strände, das diesige Wetter an manchen Wintertagen, wenige Menschen und viel Landschaft – vieles hier in Kerry fühlt sich an, wie Kindheitsheimat an der Ostsee. In rund 15 Jahren in derselben Wohnung in Strasbourg ist mir das Elsass Heimat geworden. Die Gerüche, Geschmäcker, die Landschaft und die Mentalität. Nach wie vor bin ich oft in dieser Heimat und genieße die – wie ich es im Buch schrieb – nördlichste mediterrane Stadt Europas. Ebenso hänge ich an meiner langjährigen Wahlheimat im Rheinland mit 2.000 Jahren Kulturgeschichte.

Aber gerade diese Verwurzeltheit im Gefühl der Heimat ermöglicht es, für Projekte an neue Orte zu gehen, irgendwohin auf die Welt, weil es sich richtig anfühlt. Um dann zurückzukommen. Um für ein bestimmtes Kapitel einige Wochen in Carmel by the Sea zu sitzen, die Schreibblockade am Rande der Bixby-Creek-Bridge zu lösen oder auf dem Pier in Monterey. Und doch zu wissen, wo die Heimat ist und eine Kontinuität im Beruf zu haben. Und so wie Heimat von Heim kommt, kommt Beruf von Berufung. Meine Beruf ist der des Historikers – und zum Wesen des Historikers gehört die Beschreibung von, auch unbekannten, Dingen.

Dieser Lebensentwurf setzt voraus, dass man die Kreativität und das Schöne – im Sinne Oscar Wildes – genießt; stets auf Unbekanntes stoßen kann und nie genau weiß, was als nächstes geschieht. Die Gewöhnung, stets Neues zu sehen, zu erleben, führt zu einem Ergebnis: Man versucht zu verstehen, Muster und Strukturen zu erkennen – in einem start-up oder in einer Dorfgemeinschaft in Irland. Dies führt zu Hinterfragen als Voraussetzung des Verstehens. Und genau das führt dann zu den neuen Ergebnissen, die ich in Büchern publiziere: Nur wer nicht alles glaubt, was andere schreiben oder in Archiven gefunden haben, nur wer sich die Mühe macht, selbst zu schauen, zu verstehen, hat bessere Chancen bislang Übersehenes zu entdecken.

Neue Erkenntnisse bringen zumeist viel Zuspruch – aber es gibt auch immer ein paar Moserer. Die gehören eben dazu. Die Weltgeschichte ist voll von sehr großen (Kolumbus, Kopernikus, Sokrates, etc.) und ungleich kleinen Beispielen, wie den meinen. Und hier kommt wieder die kreative Inspiration ins Spiel, die eine Reaktion wie Sorge oder Verdruss ausschließt. Sie ermöglicht eine Reaktionskaskade von „who cares“ zu „so what“.

Die Antwort lautet also, dass gelebter Liberalismus, das Leben als freier Mensch eine gute Voraussetzung ist, sich mit mehreren Themenfeldern vertieft befassen zu können und dabei dort zu leben, wo man die bestmögliche Inspiration erhält. Schon im alten Rom wusste man – gedanklich und räumlich: Ubi bene, ibi patria.

Wie möchten Sie angesprochen werden?

Wie möchten Sie angesprochen werden?



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Fragen, die viele Menschen kennen, die einen komplizierten oder sehr langen Namen oder viele Vornamen haben, aber auch jene, die (mehrere) akademische Grade erreicht haben oder Prädikate führen, die seit 100 Jahren nicht mehr verliehen werden und bedeutungslos geworden sind:

Manchem Prof. Dr. Dr. h.c. mult. ist es wichtig, stets mit „Herr Professor Doktor Doktor Mustermann-Mümmelmann“ angesprochen zu werden, mancher Prädikatsträgerin ist es wichtig, „Gräfin von Stolz zu Wichtig“ gerufen zu werden. Es gibt immer wieder Menschen, die jedermann – vom Vorgesetzten bis zum Kellner mit akademischen Graden oder in Demokratien irrelevanten Prädikaten und Titeln beeindrucken wollen. Aber es gibt erfreulicherweise auch Menschen, die sich nicht allzu wichtig nehmen.

Beispielsweise möchte Alexander Graf von Schönburg-Glauchau einfach nur Alexander von Schönburg sein ohne dass alle neun Vornamen oder die Adelsprädikate aufgezählt werden, Jutta von Ditfurth möchte einfach nur Jutta Ditfurth sein. Auch und gerade im geisteswissenschaftlichen Milieu ist das ostentative Tragen aller erworbenen akademischen Grade oft eher unüblich.

Auch ich wurde immer wieder aufgrund eines längeren Namens und der ein oder anderen bestandenen Hochschulprüfung gefragt, wie ich angesprochen werden möchte. Noch viel mehr Menschen hingegen haben jedoch gar nicht gefragt, sondern einfach verschiedenste Ansprech- und Schreibweisen verwandt. Das führte oft zu Verwirrungen.

Darum schreibe ich mich seit vielen Jahren – sofern keine gegenteilige rechtliche Erfordernis besteht – ausschließlich Julien Reitzenstein.

Wichtig ist mir, anders als Personen der Öffentlichkeit, meine Familie in Frieden und Sicherheit zu wissen – und bei manchen Texten (insbesondere jenen, die am rechten Rand für Verärgerung sorgen) mal ein Pseudonym nutzen oder wie vor Jahren auch mal aus der Fülle der Varianten des amtlichen Namens zu schöpfen. Honi soit, qui mal y pense.

Weshalb sprechen Sie nicht mit Medien oder präsentieren Ihre Arbeit und sich zum Beispiel in Fernsehinterviews?

Weshalb sprechen Sie nicht mit Medien oder präsentieren Ihre Arbeit und sich zum Beispiel in Fernsehinterviews?

Diese Frage erreichte mich häufig auf den Höhepunkten der Berichterstattung über meine im Jahre 2014 publizierten Ergebnisse zur Dienstvilla des Bundespräsidenten sowie im August bis Oktober 2017 und im Juni 2018, nach meinen Beiträgen zur Paulskirche in der Jüdischen Allgemeinen und in der Immobilienwirtschaft.

Die Antwort liegt im Gegenstand meiner Arbeit begründet:

Es bedarf keiner Erörterung, dass Auftraggeber im Bereich Provenienzforschung Vertraulichkeit erwarten. Ebenso vertraulich sind die Gegenstände von Aufsichtsratstätigkeit.

Anders ist es bei historischen Forschungsergebnissen: Wer bislang unbekannte Geheimprotokolle zum Mauerbau oder Sowjetspionage in Bonn findet, sollte diese aktiv in die Massenmedien bringen, um Menschen für unser Fach, die Geschichtswissenschaft, zu interessieren. Es freut mich immer, wenn ich sympathische Kollegen im Fernsehen oder in Interviews sehe, die kompetent und mit Verve ihre Ergebnisse und sich selbst präsentieren.

Meine Forschungen der vergangenen fast 20 Jahre befassen sich mit den Opfern des nationalsozialistischen Regimes. Dabei geht es nie nur um abstrakte Ereignis- oder Entscheidungsebenen wie „6 Millionen Ermordete“ oder „In den Zügen in Vernichtungslager XY saßen durchschnittlich 1.000 Menschen.“ Mir ist es wichtig, die stete Entrechtlichung der Juden und anderer Minderheiten fühlbar, spürbar zu machen. Deshalb zeige ich konkrete Menschen, normale Menschen, wie sie auch heute an Bushaltestellen stehen oder im Supermarkt – und was die Erosion von Demokratie für Grausamkeiten ermöglicht hat, die zu deren Tod führte. Wenn ich an Hugo Heymann denke, den Voreigentümer der Dienstvilla des Bundespräsidenten, an Wilhelm Müssgen, Karl Kirn und andere Opfer von August Hirts unmenschlichen Kampfstoffversuche, an deren Verwandte, Freude, Nachfahren: Wie soll ich mich da in den Vordergrund stellen und mediale Wichtigkeit demonstrieren? Mir ist wichtig, den Opfern eine Stimme zu geben und die Ergebnisse für sich sprechen zu lassen.

Oder anders: Wenn es mir wichtig wäre, dass meine Person und mein Leben in den Medien präsent ist, hätte ich mir ein anderes Forschungsfeld gesucht, wahrscheinlicher aber sowohl einen anderen Beruf, als auch einen anderen Broterwerb.

Nicht zuletzt deshalb verzichte ich auf Eigendarstellung und Werbung, social media, poste keine Fotos mit Repräsentanten des Staates, Unterstützern wichtiger Erinnerungsprojekte die durch die Medien bekannt sind, etc., etc. Es ist schön, wenn ein Gegenstand meiner Forschungen Aufmerksamkeit und Unterstützung erfährt. Das genügt dann doch, oder?