Lebensräume

Als junger Familienvater ist das, was für Singles Trubel ist, die größte Entspannung. Das Glück, Kinder aufwachsen zu sehen und sie bei den ersten Schritten in Leben und Welt zu begleiten, sie zu rüsten und ihnen Zuversicht zu vermitteln ist unvergleichlich.

Die private Lebensplanung hat mich aus Brüssel, über die USA und Strasbourg, wo ich großartige 14 Jahre verbrachte, jüngst nach Irland gebracht. Das Landleben in unberührter Natur im grünen Südwesten Irlands, dort wo Palmen wachsen und das Vieh ganzjährig auf der Weide steht, schafft Abstand zu Deutschland, zu Projekten und dem Lärm der Welt. Selbstgewählte Abgeschiedenheit schafft neue Perspektiven. Es gibt zudem einen Grund, weshalb so viele Autoren in Irland leben und schreiben – das terroir lässt gute Gedanken gedeihen. In dieser Gegend finden sich die Spuren vieler bekannter Autoren, wie Michel Houellebecq, Heinrich Böll, Julian Fellowes und viele mehr. So ist es fast zwangsläufig, dass derzeit mein erster Roman entsteht, doch ohne Deadline ohne Druck – mit sprichwörtlichen Irish Times eben…

Es ist faszinierend zu beobachten, was Irland mit Menschen in Deutschland macht: Zunächst werde ich gefragt, ob es dort wirklich so viel regne. Wahrheitsgemäß gebe ich dann an, dass wir an beinahe jedem Tag 2-3 Jahreszeiten erleben. Wenn ich auf die Frage, ob man denn mal Fotos sehen könne, die jüngsten Bilder auf dem Smartphone zeige, schauen die Bilder in offene Münder und aufgerissene Augen. Meist sind die Menschen dann schon wenige Wochen später hier, sehen die 100 shades of green, gesprenkelt von wollig-weißen Punkten, die im Gegensatz zu hysterischen Mediendebatten in Deutschland nur – ganz erwartbar und verlässlich – nur einen Kommentar kennen: Määh! Sie sehen traditional cottages, Natur und dazwischen high-tech-Unternehmen, sie sehen endlose Radwanderwege, Restaurants mit frischer Küche und vor allem: Sie sehen was Irland bei Julien Reitzenstein ausmacht:

Für mich sind das im Wesentlichen folgende Dinge: Understatement und Herzenswärme. Die Größe Deiner Autos, die Anzahl Deiner Mitarbeiter oder Publikationen oder akademischen Grade interessiert hier schlichtweg niemanden – nicht einmal Dein Nachname interessiert: Paddy from Middle Tennies holt David from Main Street in Town und John from Ballinskelligs Strand, um Julien from Germany zu besuchen. Die anderen Details? Who cares?

Die Menschen hier haben in 800 Jahren Besatzung einen so tiefen Wunsch nach Freiheit entwickelt, dass Obrigkeiten wenig zählen und persönliche Verlässlichkeit viel. Wenn hier gebaut wird, kommen die Nachbarn nach der Arbeit und helfen. Wenn Du krank bist, gehen die Nachbarn zum Schulbus und holen Dein Kind. Dann kommt das Kind oft auch gleich mit einem Topf voll gekochter Köstlichkeiten. Wenn die Männer im Tal nach dem Winter bei Sonnenuntergang mit einem großen Hänger Teer kommen, um die Straße zu flicken – Rechner zuklappen, Wellis an, Schaufel geschnappt und Teer geschippt und geklopft bis Mitternacht. Dann noch ein Schluck zur Nacht – die mit der „Kerry Dark Sky Reserve“ den schönsten Sternenhimmel Nordeuropas bietet…

Kurzum: Hier im ländlichen Südwesten Irlands zählt nicht, als wer Du wahrgenommen werden möchtest, sondern wer Du bist.